Hochgebirge: Erschliessungskompromiss gefordert
Die Alpinisten des Schweizer Alpen-Club SAC wollen hoch hinaus. Der Alpinverband mit 110'000 Mitgliedern fordert ein nationales Konzept für die touristische Erschliessung und den Schutz des schweizerischen Berggebietes, namentlich auch des Hochgebirges. Ohne Erschliessungskompromiss, sagen die SACler, gibt’s im Gebirge nur Verlierer.

Sanfter Tourismus im Hochgebirge: Lötschenpass-Hütte
Im schweizerischen Hochgebirge schwelt ein brisanter Konflikt. Die Betreiber der Bahnanlagen und die Manager in den Tourismusorten planen neue Anlagen, Skigebietsverbindungen und grosse regionale Zusammenschlüsse. Sonst, fürchten sie, verliert der Schweizer Wintertourismus im harten internationalen Wettbewerb vollends den Anschluss. Doch mit ihren Plänen stossen sie auf den erbitterten Widerstand von Natur- und Landschaftsschützern. Das Ergebnis des Kleinkriegs um Seilbahnmasten, Beschneiungsanlagen und Pistenplanierungen sind Blockade und Frust auf beiden Seiten.
„Politik steht im Weg“
Wege aus der verfahrenen Situation suchen jetzt der SAC und die Interakademische Kommission Alpenforschung ICAS. Sie luden die am Alpenraum aus wirtschaftlichen, ökologischen oder ideellen Motiven interessierten Kreise zu einer nationalen Tagung nach Bern ein. Die Diskussion zeigte: Alpinisten und Raumplaner, Touristiker und Landschaftsschützer sind sich in Manchem näher, als es im Streit um Einzelprojekte jeweils den Anschein macht. Jürg Meyer, Umweltbeauftragter im SAC, stellte lakonisch fest: „Wir würden uns mit den Interessen des Tourismus schon arrangieren können, aber die Politik steht uns im Weg.“ Der Alpen-Club bekämpfe zwar aufgrund seiner eigenen Umweltprinzipien oft einzelne Erschliessungsprojekte. Dabei sei der Verband aber gar nicht grundsätzlich gegen Bergbahnen und intensive touristische Nutzung in bereits erschlossenen Gebieten. „Was aber in der Schweiz fehlt, ist eine übergeordnete, nationale Konzeption für die Erschliessung und den Schutz der Alpen,“ sagte Meyer. Ein solches Konzept mit klaren Zielsetzungen und Kriterien für die Bewilligungspraxis für Erschliessungsprojekte und den Schutz von Ruhezonen läge auch im Interesse des Tourismus, erklärte Judith Renner-Bach, Direktorin des Schweizer Tourismusverband STV.
Regeln ohne Wirkung
In der Schweiz gibt es ein eng geknüpftes Netz von Verfassungsbestimmungen, Gesetzen und Verordnungen zum Schutz von Umwelt, Landschaft und natürlichen Lebensgrundlagen. Und es gibt einen immer noch ziemlich breit abgestützten politischen Willen, den Bergregionen eine wirtschaftliche Entwicklung zu ermöglichen. In der Praxis allerdings ist das Regelwerk nach Einschätzung der Alpen-Experten keine tragfähige Basis mehr für zukunftsgerichtete Entscheide – weder für die wirtschaftliche Entwicklung noch für den Schutz des Alpenraums. Instrumente seien zwar vorhanden, sagt Geografie-Professor Bruno Messerli, der Doyen der Alpenforschung in der Schweiz. Gestützt auf das Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung BLN sei das Aletschgebiet ins Inventar des Unesco-Weltnaturerbes aufgenommen worden. Man müsse das Instrument BLN nur wieder aktivieren. Im BLN-Inventar finden sich die alpinen Ruhezonen, die Alpinisten und Landschaftsschützer auch heute noch für ihre Interessen reklamieren. Doch das Inventar ist nur für den Bund rechtsverbindlich.
Schneeparadies im Dreiländereck
In den Kantonen wird das Instrument erst scharf, wenn die BLN-Objekte in die kantonale Richtplanung aufgenommen werden. „Im Kanton Graubünden sind die BLN-Objekte Teil der Richtplanung,“ versichert der Churer Raumplaner Joseph Sauter. Erschliessungsvorhaben würden nur bewilligt, wenn damit bestehende Skiregionen erweitert oder verbunden werden. Damit sorgt das BLN-Inventar im grossen Flächenkanton Graubünden für einigermassen transparente und einheitliche Bewilligungskriterien. Ein Fusionsprojekt wie Arosa-Lenzerheide wird nach einer einzigen raumplanerischen Grundlage beurteilt. Völlig anders stellt sich die Situation im Zusammenschluss-Projekt „Schneeparadies“ der Regionen Engelberg/Titlis, Melchsee-Frutt und Meiringen-Hasliberg dar. Das Projekt bestreicht die drei Kantone Bern, Obwalden und Nidwalden. Die touristische, raumplanerische und landschaftsschützerische Planung endet jeweils genau an der Kantonsgrenze. Im Gebirgsraum von Titlis, Frutt und Hasliberg wissen weder die Ausbaupromotoren der Touristikbranche noch die Interessenvertreter der Ruhe suchenden Berggänger, auf welche Konzepte, Kriterien und Regeln sie sich im Konflikt zwischen Erschliessung und Schutz der Gebirgsregion berufen können.
Neue Spielregeln
Mit der Initiative des Alpenverbandes SAC und der Alpenforschung ICAS sollen die Spielregeln im Poker um die Zukunft der Gebirgsregion neu ausgehandelt werden. Die Zeit drängt, glaubt Jürg Meyer vom SAC: „Der Druck aufs Hochgebirge nimmt zu. Es ist höchste Zeit, Ziele und Grenzen der Entwicklung gesamtschweizerisch zu definieren.“
Hanns Fuchs
Peter Furger: „Von Emotionen reden“
Sind die Schweizer Tourismusbetriebe zur Grösse verurteilt?
Peter Furger: Das ist ein harter Ausdruck. Aber die Strukturen müssen verändert werden. Grösse heisst, dass man Kräfte zusammenlegt, das bestehende Angebot festigt. Das braucht es, um den Markt wirkungsvoll bearbeiten zu können.
Gibt es eine ideale Grösse für eine Tourismusdestination?
Unterhalb einer Umsatzmarke von 20 Millionen kann man international nicht mehr mithalten. Die französischen Angebote, die Sella Ronda in Italien haben ganz andere Marktchancen. In der internationalen Liga haben nur die grossen Destinationen eine Chance. Das bedeutet, dass wir die Schweiz als Ganzes verkaufen müssen. Der Gast hat heute ganz einfach andere Erwartungen als früher. Er will ein Gesamtprodukt. Und entscheidend ist, was der Gast will, nicht was wir wollen.
Was will der Gast?
Schwierig, das auf einen Nenner zu bringen. Aber sicher will er Qualität, Emotionen, ein gutes Preis-Leistungsverhältnis, ein grosses Skigebiet und Schneesicherheit.
Und Fun auf allen Pisten?
Gerade zahlungskräftige Gäste vermeiden das. Aber wir müssen vermehrt von den Emotionen reden, wir müssen die Emotionen verkaufen. Die sind natürlich unterschiedlich, je nach Generation. Aber Emotionen heisst: etwas erleben, Freude haben, sich betätigen können. Davon müssen wir reden.
Der Walliser Peter Furger ist Unternehmensberater mit Schwerpunkt Tourismus. Er ist Verwaltungsratspräsident der Bergbahnen Lenzerheide und der Bergbahnen Sedrun AG.
Thomas Bieger: „Porta Alpina ist eine Ikone“
Das Projekt „Porta Alpina“ bietet der Surselva und der ganzen Gotthard-Region Entwicklungschancen. Davon ist der Tourismus-Experte Thomas Bieger überzeugt. Doch er warnt vor Illusionen: „Die Porta Alpina ist eine Ikone für die wirtschaftliche Entwicklung. Ob daraus aber etwas wird, hängt davon ab, ob die Region zusätzliche Attraktionen für den Tagestourismus schafft.“ Das könnten nach Bieger Themenwege, Erlebnisparks und ein Netzwerk von Attraktionen in der ganzen Gotthard-Lukmanier-Region sein. Das Potential im Tagestourismus sieht Bieger bei 56'000 zusätzlichen Touristen im Jahr. Dazu kämen Entwicklungschancen im Ferientourismus und die Perspektiven der Surselva als Wohnregion. Allerdings, schränkt Thomas Bieger ein, die Möglichkeiten, die der Anschluss ans europäische Schnellbahnnetz eröffnet, könnten nur genutzt werden, „wenn in den Tourismusregionen neue Geschäftsmodelle entwickelt werden“. Die Marktsituation zeige klar, dass man im Tourismus „betriebsübergreifend zusammenarbeiten“ müsse. Es gäbe aber „noch viele Situationen, gerade in den Alpentälern, wo der Neid so stark verbreitet ist, dass man lieber nicht zusammenarbeitet,“ erklärt Bieger.
Professor Dr. Thomas Bieger ist Direktor des Instituts für öffentliche Dienstleistungen und Tourismus an der Universität St. Gallen. Das IDT hat die Marktanalyse und Bedürfnisabklärung für das Projekt Porta Alpina gemacht.
Erschienen in
SÜDOSTSCHWEIZ, 17. November 2005
AARGAUER TAGBLATT 9. November 2005

Sanfter Tourismus im Hochgebirge: Lötschenpass-Hütte
Im schweizerischen Hochgebirge schwelt ein brisanter Konflikt. Die Betreiber der Bahnanlagen und die Manager in den Tourismusorten planen neue Anlagen, Skigebietsverbindungen und grosse regionale Zusammenschlüsse. Sonst, fürchten sie, verliert der Schweizer Wintertourismus im harten internationalen Wettbewerb vollends den Anschluss. Doch mit ihren Plänen stossen sie auf den erbitterten Widerstand von Natur- und Landschaftsschützern. Das Ergebnis des Kleinkriegs um Seilbahnmasten, Beschneiungsanlagen und Pistenplanierungen sind Blockade und Frust auf beiden Seiten.
„Politik steht im Weg“
Wege aus der verfahrenen Situation suchen jetzt der SAC und die Interakademische Kommission Alpenforschung ICAS. Sie luden die am Alpenraum aus wirtschaftlichen, ökologischen oder ideellen Motiven interessierten Kreise zu einer nationalen Tagung nach Bern ein. Die Diskussion zeigte: Alpinisten und Raumplaner, Touristiker und Landschaftsschützer sind sich in Manchem näher, als es im Streit um Einzelprojekte jeweils den Anschein macht. Jürg Meyer, Umweltbeauftragter im SAC, stellte lakonisch fest: „Wir würden uns mit den Interessen des Tourismus schon arrangieren können, aber die Politik steht uns im Weg.“ Der Alpen-Club bekämpfe zwar aufgrund seiner eigenen Umweltprinzipien oft einzelne Erschliessungsprojekte. Dabei sei der Verband aber gar nicht grundsätzlich gegen Bergbahnen und intensive touristische Nutzung in bereits erschlossenen Gebieten. „Was aber in der Schweiz fehlt, ist eine übergeordnete, nationale Konzeption für die Erschliessung und den Schutz der Alpen,“ sagte Meyer. Ein solches Konzept mit klaren Zielsetzungen und Kriterien für die Bewilligungspraxis für Erschliessungsprojekte und den Schutz von Ruhezonen läge auch im Interesse des Tourismus, erklärte Judith Renner-Bach, Direktorin des Schweizer Tourismusverband STV.
Regeln ohne Wirkung
In der Schweiz gibt es ein eng geknüpftes Netz von Verfassungsbestimmungen, Gesetzen und Verordnungen zum Schutz von Umwelt, Landschaft und natürlichen Lebensgrundlagen. Und es gibt einen immer noch ziemlich breit abgestützten politischen Willen, den Bergregionen eine wirtschaftliche Entwicklung zu ermöglichen. In der Praxis allerdings ist das Regelwerk nach Einschätzung der Alpen-Experten keine tragfähige Basis mehr für zukunftsgerichtete Entscheide – weder für die wirtschaftliche Entwicklung noch für den Schutz des Alpenraums. Instrumente seien zwar vorhanden, sagt Geografie-Professor Bruno Messerli, der Doyen der Alpenforschung in der Schweiz. Gestützt auf das Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung BLN sei das Aletschgebiet ins Inventar des Unesco-Weltnaturerbes aufgenommen worden. Man müsse das Instrument BLN nur wieder aktivieren. Im BLN-Inventar finden sich die alpinen Ruhezonen, die Alpinisten und Landschaftsschützer auch heute noch für ihre Interessen reklamieren. Doch das Inventar ist nur für den Bund rechtsverbindlich.
Schneeparadies im Dreiländereck
In den Kantonen wird das Instrument erst scharf, wenn die BLN-Objekte in die kantonale Richtplanung aufgenommen werden. „Im Kanton Graubünden sind die BLN-Objekte Teil der Richtplanung,“ versichert der Churer Raumplaner Joseph Sauter. Erschliessungsvorhaben würden nur bewilligt, wenn damit bestehende Skiregionen erweitert oder verbunden werden. Damit sorgt das BLN-Inventar im grossen Flächenkanton Graubünden für einigermassen transparente und einheitliche Bewilligungskriterien. Ein Fusionsprojekt wie Arosa-Lenzerheide wird nach einer einzigen raumplanerischen Grundlage beurteilt. Völlig anders stellt sich die Situation im Zusammenschluss-Projekt „Schneeparadies“ der Regionen Engelberg/Titlis, Melchsee-Frutt und Meiringen-Hasliberg dar. Das Projekt bestreicht die drei Kantone Bern, Obwalden und Nidwalden. Die touristische, raumplanerische und landschaftsschützerische Planung endet jeweils genau an der Kantonsgrenze. Im Gebirgsraum von Titlis, Frutt und Hasliberg wissen weder die Ausbaupromotoren der Touristikbranche noch die Interessenvertreter der Ruhe suchenden Berggänger, auf welche Konzepte, Kriterien und Regeln sie sich im Konflikt zwischen Erschliessung und Schutz der Gebirgsregion berufen können.
Neue Spielregeln
Mit der Initiative des Alpenverbandes SAC und der Alpenforschung ICAS sollen die Spielregeln im Poker um die Zukunft der Gebirgsregion neu ausgehandelt werden. Die Zeit drängt, glaubt Jürg Meyer vom SAC: „Der Druck aufs Hochgebirge nimmt zu. Es ist höchste Zeit, Ziele und Grenzen der Entwicklung gesamtschweizerisch zu definieren.“
Hanns Fuchs
Peter Furger: „Von Emotionen reden“
Sind die Schweizer Tourismusbetriebe zur Grösse verurteilt?
Peter Furger: Das ist ein harter Ausdruck. Aber die Strukturen müssen verändert werden. Grösse heisst, dass man Kräfte zusammenlegt, das bestehende Angebot festigt. Das braucht es, um den Markt wirkungsvoll bearbeiten zu können.
Gibt es eine ideale Grösse für eine Tourismusdestination?
Unterhalb einer Umsatzmarke von 20 Millionen kann man international nicht mehr mithalten. Die französischen Angebote, die Sella Ronda in Italien haben ganz andere Marktchancen. In der internationalen Liga haben nur die grossen Destinationen eine Chance. Das bedeutet, dass wir die Schweiz als Ganzes verkaufen müssen. Der Gast hat heute ganz einfach andere Erwartungen als früher. Er will ein Gesamtprodukt. Und entscheidend ist, was der Gast will, nicht was wir wollen.
Was will der Gast?
Schwierig, das auf einen Nenner zu bringen. Aber sicher will er Qualität, Emotionen, ein gutes Preis-Leistungsverhältnis, ein grosses Skigebiet und Schneesicherheit.
Und Fun auf allen Pisten?
Gerade zahlungskräftige Gäste vermeiden das. Aber wir müssen vermehrt von den Emotionen reden, wir müssen die Emotionen verkaufen. Die sind natürlich unterschiedlich, je nach Generation. Aber Emotionen heisst: etwas erleben, Freude haben, sich betätigen können. Davon müssen wir reden.
Der Walliser Peter Furger ist Unternehmensberater mit Schwerpunkt Tourismus. Er ist Verwaltungsratspräsident der Bergbahnen Lenzerheide und der Bergbahnen Sedrun AG.
Thomas Bieger: „Porta Alpina ist eine Ikone“
Das Projekt „Porta Alpina“ bietet der Surselva und der ganzen Gotthard-Region Entwicklungschancen. Davon ist der Tourismus-Experte Thomas Bieger überzeugt. Doch er warnt vor Illusionen: „Die Porta Alpina ist eine Ikone für die wirtschaftliche Entwicklung. Ob daraus aber etwas wird, hängt davon ab, ob die Region zusätzliche Attraktionen für den Tagestourismus schafft.“ Das könnten nach Bieger Themenwege, Erlebnisparks und ein Netzwerk von Attraktionen in der ganzen Gotthard-Lukmanier-Region sein. Das Potential im Tagestourismus sieht Bieger bei 56'000 zusätzlichen Touristen im Jahr. Dazu kämen Entwicklungschancen im Ferientourismus und die Perspektiven der Surselva als Wohnregion. Allerdings, schränkt Thomas Bieger ein, die Möglichkeiten, die der Anschluss ans europäische Schnellbahnnetz eröffnet, könnten nur genutzt werden, „wenn in den Tourismusregionen neue Geschäftsmodelle entwickelt werden“. Die Marktsituation zeige klar, dass man im Tourismus „betriebsübergreifend zusammenarbeiten“ müsse. Es gäbe aber „noch viele Situationen, gerade in den Alpentälern, wo der Neid so stark verbreitet ist, dass man lieber nicht zusammenarbeitet,“ erklärt Bieger.
Professor Dr. Thomas Bieger ist Direktor des Instituts für öffentliche Dienstleistungen und Tourismus an der Universität St. Gallen. Das IDT hat die Marktanalyse und Bedürfnisabklärung für das Projekt Porta Alpina gemacht.
Erschienen in
SÜDOSTSCHWEIZ, 17. November 2005
AARGAUER TAGBLATT 9. November 2005
Rudermann - 23. Nov, 15:42
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